21.04.2019 175 Jahre AAC / NRB - Die Geschichte dahinter

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Im Oktober 2019 jährt sich die Gründung des Allgemeiner Alster-Club, der sich heute in Kurzform AAC/NRB nennt, zum 175. Mal.

Was aber verbirgt sich hinter der Kurzform AAC/NRB? Wofür stehen diese 6 Buchstaben und was ist die Geschichte dahinter?

Am Anfang stand die Durchführung der ersten deutschen Ruder-Regatta am 22. September 1844 (noch heute werden um dieses Datum herum die Norddeutschen Meisterschaften ausgetragen). Aus der allgemeinen Begeisterung heraus, ein solches „Volksfest“ zu erhalten wurde deshalb am 12. Oktober 1844 der „Allgemeiner Alster-Club“ (AAC) gegründet. Damals wie heute lag eine seiner Aufgaben darin, Regatten in Hamburg zu organisieren. Ein grundsätzlicher Meinungsstreit bestand in dieser Zeit über die Frage, wer „Amateur“ und wer „Professional“ ist; wobei man an etwas völlig anderes als heute bei diesen Begriffen dachte. Wer geistig arbeitet, so das damalige Verständnis, der vermag seine Muskeln und Sehnen mit denen eines Mannes, der ständig körperliche Arbeit verrichtet, nicht zu messen. Vor allem dachte man dabei an „Berufsruderer“, den Watermen, die in Hamburgs Hafen und Gewässern mit ihrer Muskelkraft Boote fortbewegten.

Und so kam es am 21. Juni 1864 zu einer folgenschweren Entscheidung, der den Ausschluss von den sogenannten „Watermen“ festlegte, und somit die Seelen vieler Hamburger Ruderer bis heute verletzte. Der heutigen Kurzform AAC/NRB kommt hierbei eine besondere Bedeutung zu.

Um was geht es?

Mit obigem Beschluss wurden die Berufsruderer von den Regatten ausdrücklich ausgeschlossen, denn „Unter Gentleman-Ruderern verstand das Comité anständige Leute, die das Rudern zu ihrem Vergnügen betreiben“.

Dieser Beschluss und die Vorstellungen darüber, wie eine „würdige“ Wettkampfvorbereitung auszusehen hat, schloss nämlich Menschen aus, die nicht in der Lage waren, den Tag mit „Trainierung“ zu beginnen und ein Frühstück, „bestehend aus etwa einem Glase Sherry oder Portwein und gehacktem rohen Beefsteak mit Eigelb“ zu sich zu nehmen – also alle die, die von ihrer Hände Arbeit leben mussten. Hierzu später mehr.

1882 bestanden in Deutschland bereits 95 größere Rudervereine, die in Teilen dem Beispiel Hamburgs folgten, und die am 13. März 1883 in Köln den Deutschen Ruderverband (DRV) gründeten.
Aufgrund des guten Rufes, den Hamburger Regatten um die Jahrhundertwende hatten, setzten diese bis 1906 den Standard und wurden als deutsche Meisterschaftsregatta ausgetragen, wenn auch nicht dem Namen nach. Erst danach wurde vom DRV die Deutsche Meisterschaftsregatta ins Leben gerufen.

Die seit 1864 geltende Regelung, die im Grunde Arbeiter von Regatten ausschloss, wurde vom DRV 1885 verschärft:

„Amateur ist jeder, der das Rudern nur aus Liebhaberei mit eigenen Mitteln betreibt oder betrieben hat und dafür keinerlei Vermögensvorteile in Aussicht hat oder hatte, weder als Arbeiter seinen Lebensunterhalt lediglich mit seiner Hände Arbeit verdient, noch in einem anderen Sportzweige als Nicht-Amateur gilt, noch in irgendeiner Weise nach dem 1. Januar 1884 um Geldpreise gestartet hat.“

Mit dieser Bestimmung waren alle sogenannten „Arbeiter Rudervereine“ gehindert, Mitglied des DRV zu werden und auf seinen Regatten zu starten. Folglich konnte ein Arbeiter auch niemals Deutscher Meister werden oder ein DRV Ehrenzeichen erlangen. Schon die Tätigkeit als Geselle im väterlichen Betrieb konnte zur Aberkennung eines Ehrenzeichens führen. Leistung hin oder her.

Besonders bei uns im Norden wurde diese Bestimmung sehr eng ausgelegt. Es blieb den Arbeiter Vereinen damals nichts weiter übrig, als sich untereinander zu organisieren und ihre eigenen Regatten zu veranstalten. Aber sie müssen sich sportlich immer ausgegrenzt gefühlt haben.
1896 als „Freie Vereinigung der Ruder-Vereine von Hamburg, Altona und Umgebung“ gegründet vertrat der „Norddeutsche Ruderer-Bund von 1896“ (NRB) die Interessen von 34 Arbeiter-Ruder-Vereinen mit 3.140 Mitgliedern in seiner Glanzzeit. Zu seinen besten Zeiten in den 1920er Jahren lockte der NRB mehr als 5.000 Zuschauer zu seinen Meisterschafts-Regatten an die Alster. Der Hamburger Senat stiftete, bis in die 1980er Jahre hinein, den Preis „Eines Hohen Senats der Freien und Hansestadt Hamburg, bekannt als Senats-Preis – die staatliche Anerkennung.

Das Vereinsleben der Arbeitervereine wurde aber immer auch durch die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen geprägt. Die große Wirtschaftskrise ab 1930, die Gleichschaltung der NS-Zeit und die Folgen des 2. Weltkrieges blieben nicht ohne Auswirkung auf die Vereine, deren Mitglieder immer von ihrer Hände Arbeit leben mussten.

1960 hatte der NRB nur noch 19 Mitgliedsvereine, die aber endlich dem Deutschen Ruderverband beitreten „durften“ – die Teilnahme an den Regatten des DRV war möglich geworden.
Ein schwerer Schicksalsschlag folgte mit der Hamburger Flut 1962. Zehn Bootshäuser wurden zerstört oder beschädigt. In vielen Fällen war ein Aufbau nicht mehr möglich. Die Zahl der Vereine schrumpfte auf jetzt 13.

Jetzt gingen die beiden Verbände einen Schritt aufeinander zu, legten ihre jeweilige Jugendarbeit zusammen – aus der 1970 die Hamburger Ruderjugend hervorging.

Die neue Struktur der Sportorganisation in Deutschland sah vor, dass jede Sportart durch einen Landesverband pro Bundesland vertreten sein muss. Das war nach den Verletzungen der Vergangenheit kein einfaches Unterfangen. Der eine Verband (AAC) wollte seine durch den Senat im Jahr 1900 verliehene Rechtsstellung als juristische Person nicht verlieren, weshalb die Bezeichnung „Landesruderverband Hamburg“ als Lösung zunächst ausschied. Der andere Verband (NRB) wollte nach 114 wechselhaften Jahren nicht völlig in Vergessenheit geraten. Wie sollte es also weitergehen?

Hierbei muss man eines ganz deutlich sagen: Wenngleich die Konkurrenzsituation zweier Verbände in Hamburg sicherlich oft dem Hamburger Rudersport entscheidende Impulse gab, so ging dies über mehr als 100 Jahre einher mit der Ausgrenzung von Personengruppen (Auf die Gründung des „Hamburger Ruderinnen-Club von 1925“ werden wir zu einem späteren Zeitpunkt eingehen).
Das Vorurteil, Rudern sei eine elitäre Sportart, ist genau dieser Vorgehensweise geschuldet.

Die Frage, was aus den beiden Verbänden werden sollte, musste also auch immer eine Antwort beinhalten, die den verletzten Stolz  und die verweigerte Anerkennung der sportlichen Leistung von Hamburgern berücksichtigte, die man 1864 mit der Beschreibung „anständige Leute“ offenbar nicht meinte.


Und so kam es 1980 zu folgendem Ergebnis:

Der „Norddeutscher-Ruderer-Bund“ vertrat seit 1896 die Interessen der früheren Arbeiterrudervereine. Er hat sich am 28. März 1980 aufgelöst und seine Vereine und Mitglieder haben sich dem „Allgemeiner Alster-Club“ angeschlossen. In Anerkennung auch seiner Verdienste um den Hamburger Rudersport, führt der Verband „Allgemeiner Alster-Club“ den Traditionszusatz „Norddeutscher Ruderer-Bund“.

So vertritt der AAC/NRB seit 1980 als Verband die Interessen aller Hamburger Ruder/-innen; ebenso wie es nur noch einen Hamburger Regattaverein für die Ruderei in Hamburg gibt.

Heute blicken wir mit Stolz auf die Geschichte zweier Hamburger Ruder-Verbände zurück. Und egal aus welchem Heimatverein wir kommen, uns eint die Begeisterung für unseren Sport. Wir blicken auf zu den sportlichen Leistungen unseres eigenen Vereins und anerkennen, die sportlichen Leistungen der anderen Vereine. Der sportliche Wettkampf erfolgt bei gemeinsamen Regatten, unabhängig von der jeweiligen Herkunft und dem jeweiligen Geschlecht.